Aspartam und seine Auswirkungen auf die Gesundheit

Das Süßungsmittel wird von Teilen der Presse und auf mehreren Websites unfair dämonisiert

Die aus 375 Millionen Menschen bestehende Bevölkerung Europas konsumiert jährlich rund 2000 Tonnen Aspartam (NutraSweet, Canderel), ein künstliches Süßungsmittel, das die zwei Aminosäuren Asparaginsäure und Phenylalanin enthält (1). Es ist 180-200-mal süßer als Zucker – um eine entsprechende Süße zu erzielen, würde man also rund eine halbe Million Tonnen Zucker benötigen. Verlangt die Welt tatsächlich nach all dieser Süße, und welche Wirkungen hat sie auf uns? Eine Internetsuche nach Aspartam, das 1981 von Monsanto, dem Hersteller von NutraSweet, auf den Markt gebracht wurde, ergibt einen umfangreichen Katalog an erschreckenden persönlichen Berichten, in denen die unterschiedlichsten gesundheitlichen Katastrophen auf die Einnahme von Aspartam zurückgeführt werden (1). Obgleich Aspartam bisher noch keinen kollektiven öffentlichen Schrei der Entrüstung provoziert hat, erscheint v. a. auf Websites jede Menge sensationsgieriger Journalismus. Im Gegensatz legt die Vermarktung von Aspartam nahe, dass es einen gesunden Lebensstil fördert und Übergewicht vorbeugt. Können all diese angeblichen Risiken und Vorteile mit soliden Beweisen belegt werden?

Die bestehende Beweisbasis unterstützt keinen Zusammenhang zwischen Aspartam und Krebs, Haarausfall, Demenz, Verhaltensstörungen oder den unzähligen anderen Krankheiten, die auf den Websites genannt werden. Behörden wie die britische Food Standards Agency, die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit und die US-amerikanische Food and Drug Administration sind dafür verantwortlich, den Zusammenhang zwischen Lebensmitteln und gesundheitlichen Auswirkungen zu überwachen und Forschungsarbeiten in Auftrag zu geben, wenn berechtigter Zweifel besteht. Der Lebensmittelausschuss der EU (European Scientific Committee on Food) zeigte sich 1988 von der Sicherheit von Aspartam überzeugt (2). Allerdings es ist schwierig, Negativbeweise zu erbringen, und noch schwieriger ist es, den lautstarken Teil der Öffentlichkeit zu überzeugen, der seine Meinung von Einzelberichten und nicht von wissenschaftlichen Forschungsergebnissen bezieht. Die Food Standards Agency nimmt öffentliche Bedenken sehr ernst und drängte somit den Lebensmittelausschuss der EU im Jahr 2002 dazu, eine weitere Prüfung anhand von über 500 Berichten vorzunehmen. Basierend auf biochemischen und klinischen Daten und Verhaltensforschung kam sie zu dem Schluss, dass die akzeptable tägliche Aufnahme von 40 mg /kg/Tag Aspartam völlig unbedenklich ist – mit der Ausnahme von Menschen mit Phenylketonurie (3).

Verkörpert Aspartam einen gesunden Lebensstil und kann es bei der Vorbeugung von Übergewicht helfen? In den meisten westlichen Ländern macht Zucker rund 10 % des gesamten Kalorienverbrauchs aus (rund 200 kcal (837 kJ) oder 50 g pro Tag). Würde man diese Zuckermenge vollkommen durch einen nährstofffreien, kalorienfreien Süßstoff ersetzen, könnte das tatsächlich das Ende des Übergewichts bedeuten – allerdings nur dann, wenn der Appetit nicht dazu führt, diese Kalorien anderweitig zu beschaffen. Wir nehmen durchschnittlich rund 5 g Aspartam pro Jahr zu uns. Das entspricht einem weiteren Kilogramm Zucker mit 4000 kcal (16.740 kJ), die eine Gewichtszunahme von 0,5 kg bewirken könnten. Die Beweisgrundlagen dafür, dass Aspartam eine Gewichtszunahme oder Übergewicht verhindert, sind allerdings nicht schlüssig (4, 5) , wenngleich bei Kindern der Konsum zuckerhaltiger Softdrinks auffallend mit zunehmendem Übergewicht zusammenhängt, während der zunehmende Konsum von „Diät”-Getränken oder Fruchtsäften umgekehrt proportional zur Gewichtszunahme verläuft (6).

Laut Ernährungsempfehlungen für Diabetiker dürfen rund 10 % der insgesamt konsumierten Energie ohne Sicherheitsbedenken aus Zuckern stammen, allerdings können künstliche Süßstoffe eine Gewichtszunahme verhindern (7, 8). Als Süßungsmittel konsumierter Zucker ist chemisch mit dem in Obst enthaltenen Zucker identisch – und dessen Verzehr wird immerhin empfohlen. Auch die Auswirkungen auf den Stoffwechsel sind gleich – sogar bei Diabetikern –, sofern er in vernünftigen Mengen konsumiert wird.(8) Die meisten Forschungsergebnisse zeigen Fett als die Hauptursache für Übergewicht auf, und als Gegenargument gegen die Verwendung künstlicher Süßungsmittel anstelle von Zucker dienen u. a. Beweise dafür, dass stark zuckerhaltige Ernährung generell auch weniger Fett enthält.(9) Insbesondere der Ersatz gesättigter Fette könnte das Risiko für Herzerkrankungen reduzieren und somit besondere Gesundheitsvorteile bieten. (10) Treibt man das Ganze auf die Spitze, erhöhen große Mengen Zucker wiederum die Triglyzeride, die einen Schlüsselfaktor für das metabolische Syndrom darstellen – und fördern somit wieder das Risiko für Herzerkrankungen. Für dieses Risiko sind insbesondere hohe Mengen an Fruktose verantwortlich.(11)

Künstliche Süßungsmittel sollen Zahnkaries vorbeugen, da Zucker der Hauptnährboden für Mundbakterien ist. Die Vermeidung von Zucker bewirkt aber keine drastische Reduktion von Zahnkaries in Gebieten, in denen Karies weit verbreitet ist. (3) Die wichtigsten Faktoren sind Fluormangel und die langfristige Einnahme von Zucker zwischen den Mahlzeiten. Wenn Kinder zwischen den Mahlzeiten über zuckerhaltige Getränke oder Süßigkeiten langfristig zu viel Zucker zu sich nehmen, würde das dafür sprechen, Zucker durch künstliche Süßstoffe zu ersetzen. Allerdings entwickeln Kinder, die stark gesüßte Lebensmittel zu sich nehmen, rasch einen „süßen Gaumen”, während diejenigen, die den gewagten Schritt unternehmen, ungesüßte Getränke zu trinken, diese eventuell sogar vorziehen – und das ist wohl die beste Lösung.(12)

Weshalb wird Aspartam weltweit von der Presse und auf zahllosen Websites dämonisiert? Monsanto stand im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses und wurde beschuldigt, allzu eifrig genetisch modifizierte Pflanzen und Lebensmittel zu vertreiben. Konsumenten mögen es nicht, wenn in ihre Ernährung eingegriffen wird, und synthetische Lebensmittelbestandteile werden häufig als suspekt angesehen. Allerdings besteht Aspartam aus nur zwei Aminosäuren (Asparaginsäure und Phenylalanin). Kann daraus ein Risiko entstehen? Phenylalanin ist eine natürliche Aminosäure, die nur für Patienten mit Phenylketonurie gefährlich ist.

Die Lebensmittelkennzeichnung von Süßstoffen ist umstritten. In Europa sind sechs künstliche Süßungsmittel zugelassen, für jedes davon wurde eine akzeptable tägliche Aufnahmemenge (ADI) festgelegt. Es kann von Konsumenten nicht erwartet werden, die tägliche Gesamtaufnahmemenge für jeden Süßstoff zu berechnen. Stattdessen werden Hersteller dazu angehalten, „Cocktails” aus Süßungsmitteln zu verwenden, sodass die akzeptable tägliche Aufnahmemenge pro Süßungsmittel kaum erreicht werden kann. Ein Erwachsener müsste mindestens 10 Dosen eines ausschließlich mit Aspartam gesüßten Getränks konsumieren, um die akzeptable tägliche Aufnahmemenge von 40 mg/kg/Tag zu erreichen. Werden Kombinationen aus Süßungsmitteln verwendet, erreichen selbst intensive Konsumenten kaum 10 mg/Tag. Bei Affen war eine Aufnahme von über 1 g/Tag erforderlich, um eine Veränderung der Neurotransmitter im Gehirn zu bewirken und Anfälle auszulösen. In randomisierten, kontrollierten Studien am Menschen mit hohen Dosierungen konnten weder Auswirkungen auf das Verhalten noch sonstige Auswirkungen beobachtet werden. (13, 14) Der zynische Schluss, der daraus zu ziehen ist: Zu viel Süße, zu wenig Klarheit – und außerdem sollte die Öffentlichkeit wohl vor irreführenden Websites geschützt werden.

Michael E J Lean, Professor
Division of Developmental Medicine, University of Glasgow, Royal Infirmary, Queen Elizabeth Building, Glasgow G31 2ER

Catherine R Hankey, Dozentin, University Department of Human Nutrition
Division of Developmental Medicine, University of Glasgow, Royal Infirmary, Queen Elizabeth Building, Glasgow G31 2ER

Oktober 2004

Interessenskonflikt: Keiner erklärt.

References
1. AspartameInformation Center. www.aspartame.org
2.European Commission. Health and Consumer Protection Directorate-General, Scientific Committee on Food. Opinion of the scientific committee on food: update on the safety of aspartame. SCF, 10 December 2002.
3.Navia JM. Carbohydrates and dental health. Amer J Clin Nutr 1994;59: 719-27.
4.Tordoff MG, Alleva AM. Effect of drinking soda sweetened with aspartame or high fructose corn syrup on food intake and body weight. Amer J Clin Nutr 1990;51: 963-9.
5.Drewnowski A. Review: intense sweeteners and energy density of foods: implications for weight control. Eur J Clin Nutr 1999;53: 757-63.
6.Ludwig DS, Peterson, Gortmaker SL. Relation between consumption of sugar sweetened drinks and childhood obesity: a prospective, observational analysis. Lancet 2001;357: 505-8.
7.Nutrition Sub-Committee, British Diabetic Association. Dietary recommendations for people with diabetes. An update for the 1990's. J Hum Nutr Diet 1991;4: 393-412.
8.Diabetes and Nutrition Study Group (DNSG) of the European Association for the study of diabetes. Recommendations for the nutritional management of patients with diabetes mellitus. Eur J Clin Nutr 2000;54: 353-5.
9.BoltonSmith C, Woodward M. Dietary composition and fat to sugar ratios in relation to obesity. Int J Obes 1994;18: 820-8.
10.Puska P, Vartiainen E, Tuomilehto J, Salomaa V, Nissinen A. Changes in premature deaths in Finland: successful long-term prevention of cardiovascular diseases. Bull WHO 1998;76: 419-2.
11.Hollenbeck CB. Dietary fructose effects on lipoprotein metabolism and risk for coronary artery disease. Am J Clin Nutr 1993;58: 800s-809s.
12.Birch LL. Development of food preferences. Annu Rev Nutr 1999;19: 41-62.
13.Wolraich ML, Lindgren SD, Stumbo PJ, Stegink LD, Appelbaum MI, Kiritsy MC. Effects of diets high in sucrose or aspartame on the behaviour and cognitive performance of children. N Eng J Med 1994;330: 301-7.
14.Butchko HH, Stargel WW. Aspartame: scientific evaluation in the postmarketing period. Reg Toxic Pharma 2001;34: 221-233